Meine Vision ist es, Veolia als Referenz für Ressourcenlösungen zu etablieren

Etienne Petit, Vorsitzender der Geschäftsführung von Veolia in Deutschland, im Gespräch mit Sylke Freudenthal, Beauftragte für nachhaltige Entwicklung bei Veolia.

Sylke Freudenthal: Deutschland droht, seine Klimaziele zu verfehlen. Herr Petit, setzen Sie eher auf freiwillige Initiativen der Wirtschaft, zusätzliche Impulse der Politik oder den Druck der Bürger, um den erforderlichen Wandel zu beschleunigen?

Etienne Petit: Meine Position hierzu ist klar: Auf die Unternehmen kommt es an. Sie sind die wesentlichen Treiber des Wandels, indem sie ihre Produktionsprozesse und ihren Ressourceneinsatz ver­ändern und Anforderungen an ihre Lieferanten formulieren. Die Unternehmen brauchen aber Unterstützung: Ein klarer politischer Rahmen gibt dem Veränderungsprozess die entschei­dende Weichenstellung und kann ihn beschleunigen. Wachsame, kritische Bürger braucht es ebenso, denn wir gestalten die künftige Lebens- und Arbeitswelt und brauchen dafür auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Gerade die Zivilgesellschaft setzt dem typischerweise kurzfristigen Horizont der Finanzmärkte, an denen sich viele Unternehmen bewegen, eine langfristige Perspektive entgegen. Das Wechselspiel von Beharrungskräften und Innovationsdruck spiegelt sich in allen gesellschaftlichen Bereichen wider. Selbst die Finanzmärkte ändern sich und berücksichtigen bei der Bewertung von Unternehmen zunehmend auch ihr Potenzial, dem Klimawandel standzuhalten. Die Forderung unserer Gesellschafter – vor allem nachhaltige Investoren – nach einer Dekarbonisierungs-Strategie war für Veolia ein zusätzlicher Anstoß, den Klimaschutz ganz hoch auf die Agenda zu setzen.

Absolut! Deshalb positioniert sich Veolia seit Jahren als Partner für den Klimaschutz. Wir setzen auf Kreis­laufwirtschaft zur Verringerung klimaschädlicher Emissionen und auf die Einführung eines wirksamen CO2-Preises, den wir intern bereits bei Entscheidungen über Investitions­pro­jekte anwenden. Im Dezember 2017 gehörte Veolia zu den Unterzeichnern des inter­na­tio­nalen Business Climate Pledge, der den Forderungen der Wirtschaft eben nach wirksamen politischen Weichenstellungen eindringlich Nachdruck verliehen hat. Wir sind uns der großen Verantwortung bewusst, die wir als Unternehmen für den Klimaschutz tragen.

Das lässt sich übrigens auch mit aktuellen Projekten belegen. Wenn Veolia beispielsweise gemeinsam mit der Stadt Braunschweig eine kohlefreie Erzeugungsstrategie zur Versorgung mit Strom und Wärme entwickelt und Industrieparks mithilfe unserer Software zum Management von Energieeffizienz grundlegend optimiert, dann sind das wirksame Schritte zum Klimaschutz. Aber lassen Sie uns den Bogen weiter spannen: Deutschlands Wirtschaft wuchs auch 2016 und 2017 wieder spürbar. Nun, wie verbinden wir Wirtschaftswachstum und Ressourcenschonung?

In einigen Branchen steckt darin tatsächlich ein Widerspruch, aber mit unseren Dienstleistungen tragen wir dazu bei, ihn aufzulösen. Wir unterstützen Unternehmen, ihre Ressourcen effizient einzusetzen, mit recycelten Rohstoffen Kreisläufe zu schließen, statt linear zu wirtschaften, und unvermeidliche Reststoffe sinnvoll zu verwerten.

Für Veolia liegt hier das Wachstumspotential. Gerade deshalb wurde in den zurückliegenden beiden Jahren hier in Deutschland massiv in die Entwicklung der Gruppe investiert.

Nehmen wir das Beispiel ÖKOTEC: Das Unternehmen haben wir haben 2016 erworben, um Energieeffizienz-Dienstleistungen für die Industrie zu stärken und Ressourceneffizienz als Angebot für unsere Kunden zu etablieren. 2017 haben wir auch die Unternehmen Eurologistik, Multipet und Multiport übernommen. Damit verbessern wir unsere Präsenz im Markt der Ersatzbrennstoffe und Entsorgung gefährlicher Abfälle, zugleich erweitern wir unsere Wertschöpfungskette im Plastikrecycling. Diese reicht nun für das Kunststoff-Produkt HDPE bis zum Endkunden in der Automobil-Zuliefererindustrie und verändert unsere Rolle umfassend. Schließlich haben wir mit dem Biomasse- und Holz­kraft­werk Zapfendorf und Investitionen in zusätzliche Behandlungsanlagen für Bioabfälle diese Wertstoffströme besser integriert. Im Geschäftsbereich Wasser setzen wir auf Lösun­gen zur ressourcenschonenden Klärschlammverwertung, zur Rückgewinnung von Energie und Nährstoffen aus Abwasser und zur Vermeidung von Schadstoffeinträgen in Gewässer. Veolia beschreitet mit seinem Wachstum neue Wege.

Wir entwickeln Neues aber auch selbst: Zukunftsorientierte Ressourcenlösungen brauchen Innovationen – in meinen Augen wird Nachhaltigkeit dabei zum Hebel. Innovationen entstehen im Spannungsfeld zwischen den gesellschaftlichen Anforderungen und unseren Dienstleistungen. Das fordert uns dazu heraus, mehr mit anderen Akteuren zu kooperieren – seien es Gewerkschaften und Hochschulen, andere Ver- und Entsorger wie unsere Partner im InfraLab Berlin, Start-ups, unsere Critical Friends oder der NABU. Wir bleiben nicht stehen, sondern entwickeln unsere Geschäftsmodelle und Dienstleistungen mit Impulsen von außen und Ideen unserer Mitarbeiter weiter. Dieser Mut zu Innovationen ist ein Gradmesser für Nachhaltigkeit.

Das ist richtig. Allerdings  ist Nachhaltigkeit nicht nur ein höchst abstrakter, sondern fast schon ein „über­nutzter“ Begriff. Überzeugen kann man nicht mit Begriffen, sondern nur mit ernsthaft gelebter Nachhaltigkeit. Und um Nachhaltigkeit mit Leben zu erfüllen, muss sie bewusst geführt werden. Wir tun das, indem wir die weltweit geltenden Veolia-Verpflichtungen für nachhaltige Entwicklung mit konkreten, für uns in Deutschland relevanten Zielen und Maßnahmen systematisch untersetzen. Das unterscheidet uns von vielen unserer Wettbe­werber. Und das kann jeder nachlesen: Auf dieser Webseite haben wir für die Jahre 2016/2017 zusammengetragen, welche positiven Wirkungen wir damit erzielen – für unsere Beschäftigten, für die Kunden und für die Umwelt. Es ist inzwischen die zweite Berichterstattung für Veolia Deutschland.

Mit dem Begriff VEOLUTIONS beschreiben wir seit 2017 integrierte Ressourcenlösungen für komplexe Problemstellungen unserer Kunden in Sachen Nachhaltigkeit. Sie bündeln die Kompetenzen unserer Beschäftigten in den Bereichen Wasser, Energie und Entsorgung. Liegt darin für Sie das Zukunftskonzept von Veolia?

Ja, ohne einen umfassenden Blick auf die Probleme unserer Kunden können wir nur kleine Verbesserungen bewirken und nicht die Veränderungen anstoßen, die nötig sind, um Kreisläufe zu schließen. Meine Vision ist es, Veolia in Deutschland als Referenz für Ressourcenlösungen zu etablieren – im Energiesektor, in der Industrie, im Bereich Klärschlamm und in der Kreislaufwirtschaft. Das ist eine ermutigende Perspektive für Veolia als Unternehmen und seine Beschäftigten, aber auch für den Standort Deutschland. Denn wenn wir in Kommunen, Industrie und Gewerbe tätig werden, erreichen wir gemeinsam konkrete Fortschritte für nachhaltige Entwicklung.